„Ein Menü für zwei Euro – Das kann man zu Hause nicht machen!“
CELLE. Harald Dettmer ist 54, alleinerziehend und arbeitslos. Seit drei Jahren besucht er die Essenszeit in Celle, wegen der Gemeinschaft und der finanziellen Hilfe durch ein günstiges Mittagessen. Im Interview erzählt er, was die Einrichtung für ihn bedeutet und wie er dazu gekommen ist.
Fangen wir ruhig ganz vorne an. Was haben Sie gelernt?
Maurer!
Und da ist es schwierig momentan etwas zu finden?
Die Sache ist, ich musste abbrechen. Ich habe zwei Jahre gelernt, aber dann musste ich aufhören. Zementallergie.
Das ist natürlich unpassend als Maurer. Und dann? Wie war danach der Weg?
Als ich das abgebrochen habe, habe ich erstmal für zwei Jahre als Schausteller gearbeitet. Also auf dem Schützenplatz. Aufbauen, abbauen, Spielzelte betreiben, sowas halt.
Danach habe ich dann einmal Blödsinn gemacht – Wie jeder Mensch in seiner jugendlichen Zeit mal Blödsinn macht. Ich bin ohne Führerschein gefahren. Da wurde ich dann von der Stadt Celle verdonnert zu arbeiten. Bei den anderen Betrieben war alles belegt, also musste ich zur Müllabfuhr, meine Arbeitsstunden dort leisten.
Da hab ich mich dann nicht ganz dumm angestellt, also haben die mir einen Jahresvertrag gegeben. Danach wollte ich schon zum Arbeitsamt, aber dann haben sie mich angerufen und mir angeboten, mir stattdessen eine Festanstellung zu geben, wenn ich wollte. Na klar, wollte ich! Wer will denn keine feste Arbeit? Also habe ich dann 19 Jahre bei der Müllabfuhr gearbeitet, bis die privatisiert wurde. Bis 2003. Dabei wurden dann einige entlassen, ich auch.
Hinterher hab ich dann nur Nebenjobs gemacht. Reinigung, hier ein bisschen, da ein bisschen. Und irgendwann in der Zeit bin ich auch auf die Essenzeit gestoßen.
Wie haben Sie von der Essenszeit erfahren?
Da hat mir jemand gesagt: „Harald, du bist doch alleine, du kannst nicht immer kochen, geh doch zum Harburger Berg, zur Essenszeit!“ Das war erst etwas ungewohnt, weil hier auch das Methadon-Programm nebenan ist und so. Das war mir erst ein bisschen peinlich. Dann hab ich gesehen, dass ich hier eigentlich viele Leute kenne, und alles ganz vertraut war. Dann war es mir doch nicht mehr peinlich und ich bin hier zum Essen hergekommen, für zwei Euro. Und das Essen war super. Hier waren junge Leute, alte Leute, viele Rentner auch, die nicht so viel Rente haben und allein sind. Mit Hartz 4 hat man ja auch nicht so viel.
Ich habe einen neunjährigen Sohn, den ich alleine erziehe. Der isst meist in der Schule, und ich gehe fast jeden Tag dann hierher essen. Weil, so ein Menü für zwei Euro, das kannst du zuhause nicht machen.
Empfehlen Sie die Essenzeit auch an andere weiter?
Ja, auf jeden Fall. Ich hab auch Freunde, die hier auch herkommen. Wie gesagt, hier trifft sich Jung und Alt. So viele Leute wissen das gar nicht. Eigentlich müsste das noch viel größer sein.
Wie beeinflusst die Essenszeit Ihr Leben?
Vom Finanziellen entlastet das viel. Für alte Leute, die nur eine kleine Rente haben, oder Hartz 4-Empfänger…Das ist schon gut. Viele haben nur so 200 Euro im Monat. Und dann geben sie 10 Euro die Woche aus, und haben jeden Tag eine gute Mahlzeit. Das muss man auch mal so sehen.
Ich habe 50 Euro in der Woche zur Verfügung fürs Essen. Aber ich versuche ja so viel wie möglich zur Seite zu legen, für meinen Sohn. Weihnachten kommt auch bald, und Kleidung kostet auch immer so viel! Der wächst wie verrückt. Und Schulbücher! Ich habe 100 Euro bekommen für Bücher, aber habe jetzt schon über 200 Euro für Schulsachen ausgegeben. Aber durch die Essenszeit gleicht sich das wieder etwas aus, weil ich da spare. Wie sollte ich das sonst finanzieren?
Ich verzichte, kauf mir weniger, damit mein Sohn pro Tag zwei-drei Euro mehr hat und sich vernünftige Sachen kaufen kann.
Zum Abschluss, wie würden Sie die Essenszeit in drei Worten zusammenfassen?
In drei Worten? Lecker, sauber, Zufriedenheit!
Die Essenszeit ist eine diakonische Einrichtung des Kirchenkreises Celle und trägt sich auch durch Spenden. Wenn Sie diese wichtige Arbeit unterstützen möchten, ist dies momentan sowohl möglich durch Crowdfunding unter: www.celle-crowd.de oder über das Spendenkonto des Kirchenkreises mit dem Stichpunkt „Essenszeit“.
Heute schon jemanden satt gemacht? Nichts leichter als das:
https://www.celle-crowd.de/essenszeit-celle
Philipp Althammer
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