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Erkundungstour über den Truppenübungsplatz Bergen-Belsen – Von Schwierigkeiten mit der NS-Geschichte und aktuellen Zivilisierungsforderungen

BERGEN-BELSEN. Geschichtswerkstatt, DGB und Friedensaktion Lüneburger Heide hatten am deutschen Staatsfeiertag zu einer fünfstündigen Erkundungstour über Europas größten Truppenübungsplatz eingeladen. „Das Interesse war größer als corona-bedingt Platz war“, freut sich Organisator Charly Braun. Am neuen Denkmal für die hier ermordeten zehntausende sowjetischen Kriegsgefangenen begrüßte DGB-Sprecher Braun die Teilnehmenden aus Hamburg, Nienburg, Verden, Hannover, Celle und Heidekreis mit einer Beschreibung der „in Deutschland am stärksten militarisierten Region“.

Teilnehmende der Truppenübungsplatz-Erkundungstour vorm neuen Denkmal für zehntausende ermordeter Kriegsgefangenen in Bad Fallingbostel
Nach einer anschaulichen Vortragsshow erklären sich die Teilnehmenden der Erkundungstour Truppenübungsplatz Bergen den Zukunftsforderungen der Initiative Biosphärengebiet solidarisch

Zur historischen Einordnung gab es Nazi-Zitate und Wehrmachtsbefehle, aus den Jahren vorm Überfall auf die Sowjetunion. Darin heißt es, dass Sozialismus „asoziales Verbrechertum“ und Russen Untermenschen seien, die zu „vernichten“ seien. Entsprechend verreckten etwa 60.000 Rotarmisten elendig in drei Lagern auf dem Truppenübungsplatz Bergen an Hunger, Seuchen, Unbilden des Wetters ohne ein Dach überm Kopf sowie durch Erschießungen. Vorgetragene Zeitzeugenberichte deutscher Nachbarn der Lager bestätigten den mörderischen Umgang der Wehrmacht mit den Gefangenen.

Der ehemalige Ratsherr Gerd Martini und Bergen-Belsen-Jugendarbeiter Charly Braun erläuterten auf dem „Friedhof der Namenlosen“ die jahrzehntelangen Schwierigkeiten des Gedenkens. Den Friedhof Oerbke und das 1945 von Überlebenden und einer Gedenkkommission errichtete Mahnmal zu pflegen, musste sich Fallingbostels Bürgermeister verpflichten. Doch kaum waren die Russen weg, begannen Bemühungen, das Denkmal abzureißen. Roter Stern und deutliche Benennung der Nazi-Verbrechen passten nicht in die Zeit des „Kalten Krieges“, in der die NATO den sozialistischen Ländern gegenüber stand. Ohne die Sowjets zu unterrichten wurde 1964 deren Denkmal abgerissen. Das neue Denkmal wurde vom Künstler und NS-Jagdflieger Seelenmeyer erstellt. Darauf ist nichts von den Nazi-Verbrechen zu lesen. Seelenmeyer ist auch Erbauer von zwei Fliegerehrenmalen „für das verbrecherische Kampfgeschwader 26“ der Nazi-Luftwaffe, wie es aus einer wissenschaftlichen Arbeit von Vera Hilbich hervor geht.

Selbst am Tag der Befreiung, 8.Mai 1985, wurde dem DGB eine Gedenkfeier auf dem sogenannten „Russenfriedhof“ verwehrt, um das zu begründen wurde eigens ein Manöver um Tage verlängert, wie damalige Presseberichte und anwesende Zeitzeugen bestätigten. „Es hat viele Jahrzehnte gedauert und mehrere Gruppen und Initiativen mussten vielerlei staatliche Behinderung überwinden, bis es möglich und normal wurde, die Geschichte der Verbrechen an Gefangenen zu erforschen und zu gedenken“, erklärte Heidi Bothe.

Weitere Tourorte und Themen waren, die vom Truppenübungsplatz bis heute ausgehenden Kriege und Militäreinsätze, Displaced Persons nach 1945, Friedensproteste, Konversionsforderungen von Gewerkschaften und Initiative Biosphärengebiet und Forderungen nach Herstellung vollständiger kommunaler Rechte für die bewohnten Dörfer der sogenannten „Gemeindefreien Bezirke“. Zum Abschluss gab es Infos zum 1966 hier gedrehten Antikriegsfilm mit John Lennon und eine Diskussion mit dem Vorsitzenden der „Einwohnervertretung“ Seeben Arjes.

Doro Kreth
Fotos: Rheta Wegmann, Angelika Jankowski






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