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Damals 1904: Schwere Bestrafung eines Landschaftsgärtners

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BRESLAU. Von einem Freunde unserer Zeitschrift empfingen wir in Form eines Ausschnittes aus einer schlesischen Zeitung, deren Titel wir leider nicht festzustellen vermögen, über eine in Breslau stattgefundene Gerichtsverhandlung den nachfolgenden Bericht, dessen Richtigkeit uns bestätigt wurde. Das ergangene Urteil ist in vielfacher Beziehung bemerkenswert; nicht nur durch seine Strenge, sondern auch dadurch, dass unsachgemässes Handeln, durch welches einem anderen Schaden zugefügt wird, unter Umständen eine sehr schwere Bestrafung finden kann.

Im letzten Sommer wollte ein Breslauer Hausbesitzer sein Hausgärtchen, das etwa 20 Quadratmeter groß und mit einigen Bäumchen und Sträuchern bestanden war, von einem Gärtner ordentlich herrichten lassen. Auf ein von ihm deshalb erlassenes Inserat meldete sich der Landschaftsgärtner Paul Reise von Breslau, und der Hausbesitzer – ein Handwerksmeister – bat ihn, ihm das Gärtchen recht hübsch in Ordnung zu bringen, da er es bei der Arbeit immer vor Augen habe und es seine und seiner Frau grösste Freude sei. Er selbst verstehe von der Gärtnerei nichts. Am Tage darauf schickte Reise einen Arbeiter, der im Gärtchen den Boden umgrub und um die Stämme der Bäume herum Vertiefungen herstellte, und dann kam Re i s e selbst und nahm eine Düngung des Gartens vor, wozu er einen Zentner Chilesalpeter verwendete. Besonders in die um die Baumstämme herum hergestellten Kessel schüttete er ganze Mengen hinein.

Für den Zentner Salpeter berechnete er dem Hausbesitzer 27 Mark und für die Arbeit 14 Mark. Der Hausbesitzer bezahlte das prompt. Nach wenigen Tagen aber bemerkte er zu seinem Schrecken, dass die Bäume und Sträucher welk wurden und abstarben. Er teilte dies dem Gärtner sofort mit und ersuchte ihn, sich den Garten noch einmal anzusehen. Da Reise aber auch die wiederholten Anfragen und Aufforderungen des Hausbesitzers ganz unbeachtet liess, erstattete dieser schliesslich eine Strafanzeige gegen Reise, der sich nun am 30.0ktober – da er bereits zweimal wegen Betrugs vorbestraft ist – wegen Betruges im Rückfall vor der zweiten Strafkammer zu verantworten hatte. Der als Sachverständiger vernommene Kunst- und Handelsgärtner Franke bekundete, dass er den Garten besichtigt und dabei gefunden habe, dass dieser durch übermässige Anwendung des Düngemittels ruinirt worden sei; insbesondere die Baumwurzeln seien durch den zu dicht um die Stämme herum gestreuten Salpeter ganz zerfressen worden. Ein Zentner Chilisalpeter auf 20 Quadratmeter sei viel zu viel, fünf Pfund hätten genügt; für die grossen Anlagen am Museumsplatze verwende die Stadt jährlich nur einen halben Zentner und dort stehe alles vortrefflich. Auch der berechnete Preis von 27 Mark sei übermässig hoch; selbst in der Saison zahle man für den Zentner nur 8-12 Mark. Der Angeklagte suchte seine Manipulation nur als einen Kunstfehler hinzustellen. Wie die Verhandlung weiterergab, hatte er mehrere Zentner Chilisalpeter schon seit Jahren lagern, war also bei dieser Gelegenheit einen ansehnlichen Teil der Waren zu ungewöhnlich hohem Preise losgeworden.

Der Gerichtshof gelangte zu der Feststellung, dass Reise gewusst habe, dass die Verwendung einer solchen Massen von Chilisalpeter unsachgemäss sei und dass er die Unkenntnis seines Auftraggebers dazu benutzt habe; um eine möglichst grosse Menge, seiner alten Ware recht teuer an den Mann zu bringen zum: eigenen Vorteil und zum Schaden seines Auftraggebers. Durch eine solche gröbliche Verletzung von Treu und Glauben werde auch der redliche Handwerker geschädigt, und deshalb habe der Gerichtshof von der, von der Staatsanwaltschaft beantragten Zubilligung mildernder Umstände abgesehen und den Angeklagten zu einem Jahr drei Monaten Zuchthaus, 150 Reichsmark Geldstrafe, etwaigenfalls weiteren zehn Tagen Zuchthaus und zweijahrigem Ehrverlust verurteilt. Wegen der Höhe der Strafe wurde der Angeklagte sofort in Haft genommen.

Quelle: Möllers Deutsche Gartenzeitung 1904
Schreibweise wie damals.

Stichwort Chilesalpeter:
Natronsalpeter als Naturprodukt (= Chilesalpeter) war früher der wichtigste Stickstoffdünger. Er wird aus natürlich vorkommenden Salpeterlagern vor allem in Chile gewonnen. Im trockenen Wüstengebiet zwischen den Anden und der Küstenkordilleren sammelten sich über Jahrtausende natürlich entstandene Nitrate zusammen mit anderen Bodensalzen an und verhärteten zur sogenannten Caliche-Schicht in geringer Tiefe. Die daher leicht abgebaut werden kann. Als Dünger kam sie per Schiff nach Europa. Seit 1830 wird Chilesalpeter abgebaut und noch heute sind die Vorkommen gewaltig. In der Zeit stärkster Produktion von 1905-1928 wurden jährlich mehr als 2,5 Millionen Tonnen abgebaut.
Zur Strafe und den Kosten:
1 Doppelzentner Kartoffel kosten 1904 0,32 RM
1 Kg Rindfleisch 1,38 RM
1 Kg Butter 2,34 RM

Breslau war mit 422709 Einwohner die viertgrößte Stadt im Reich. Berlin hat 1 888848 Einwohner.

Jörn Pinske

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