Anzeige

„Nehmen die Demonstranten die Realität nicht wahr?“

CELLE. Am Samstag war es wieder soweit, während die „Freidenker“ der Bewegung „Celle steht auf“ sich auf ihren Spaziergang durch die Innenstadt begaben, formierte sich plötzlich am Rande eine Gegenveranstaltung. Die kleine Gruppe aus Bürgerinnen und Bürgern wirkte zunächst personell unscheinbar, setzte aber ein großes Zeichen.

Etwas über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Bewegung „Celle steht auf“ startete abermals vom Schützenplatz aus in die Innenstadt. Unter dem Motto „Wer profitiert von unserer Angst?“ zogen die „Freidenker“ durch die Straßen und sorgten gerade auf der Höhe der Schnellteststation der Malteser für Kopfschütteln. Während die Bewegung vorzugsweise den Medien eine Mitschuld an der Coronasituation gibt und auf Ihren Schildern die „Freie Impfentscheidung“ propagiert, die es jedoch schon gibt, formierte sich an der Stadtbibliothek eine kurzfristig einberufene Gegenveranstaltung.

Initiiert von Manuela Mast, hatten sich auf dem Arno-Schmidt-Platz auch Gudrun Jahnke (SPD), Gerda Kohnert (SPD), Bernd Zobel (Grüne) und Finn Jonathan Pätzhold zusammengefunden, um ein deutliches Zeichen gegen die „Freidenker“ zu setzen. 

Gudrun Jahnke machte anhand der zahlreichen Todesopfer auf die Ersthaftigkeit der Pandemie aufmerksam. Sie findet die Idee es Bundespräsidenten, Frank-Walter Steinmeier, gut, eine öffentliche Gedenkfeier abzuhalten. Celle könne sich daran beteiligen und ihrer Opfer gedenken. Jahnke blickt aber auch auf die zahlreichen Menschen, die jetzt oder in Zukunft unter den Folgen der Ansteckung leiden und leiden werden. „Was geht in diesen Menschen vor“, sagte Jahnke, in Anlehnung an die Teilnehmer der „Celle steht auf“ Bewegung. „Die „Freidenker“ werfen der Regierung vor, dass diese die Grundrechte beschneide – nehmen die Demonstranten die Realität gar nicht wahr?“, unterstrich Gudrun Jahnke.

Bernd Zobel sieht in den Demonstranten der „Freidenker“ vielmehr „Esoteriker“, die krude Ideen verbreiten. „Wir müssen dagegen ein Zeichen setzen“, so Zobel. Die Demonstranten schrieben auf ihre Schilder „Pandemielüge“ und „Diktatur“, doch Zobel wies dies vehement zurück. „Die Pandemie leugnen und die Demokratie in Frage stelle geht gar nicht. Diese Gesellschaft ist frei und wir leben in einer Demokratie“, so Zobel. Dennoch sieht der Grünen-Politiker Verbesserungspotential bei der bisherigen Strategie. Er pocht auf „testen, testen, testen und impfen“. Letztendlich führe diese Strategie auch für zügigere Öffnungen.

Gerda Kohnert arbeitet selbst in der Pflege. Das Pflegeheim war das erste in Celle, das von Corona betroffen war. Sie habe es erlebt, wie Bewohner an dem Virus gestorben sind und unterstrich „Corona ist kein Quatsch“. Kohnert mahnte zugleich, dass wir angesichts einer dritten Welle noch vorsichtiger sein sollten. Kritik kommt auch von ihr, denn Kohnert wünschte sich auch, dass viel mehr getestet worden wäre. Zugleich ermutigte sie, dass zügig die Menschen – die es möchten – nun auch geimpft werden.

Finn Jonathan Pätzold bezeichnete die Teilnehmer der Demonstration als „Realitätsverweigerer“. Deutschland verzeichne momentan über 70.000 Corona-Tote. Die Demonstranten verweisen jedoch stets darauf, dass Corona nichts anderes als eine Grippe sei, so Pätzold. Obwohl in Deutschland bei einer Grippe ca. 25.000 Menschen im Jahr sterben, sieht Pätzold hier die Verunglimpfung und Realtiätsverdrehung der „Freidenker“. Zu der aktuellen Öffnungsstrategie zeigt sich der Aktivist gespalten. Es sei ein schmaler Grat aus Gesundheitsschutz und Wirtschaft. Im Sinne unser aller Gesundheit sieht Pätzold jedoch die Wirtschaft hinten anstehend. Zugleich würde er sich mehr Solidarität wünschen, die den vielen Unternehmern und Mitarbeitern in den geschlossenen Geschäften zugutekommen müsste.

Die Initiatorin Manuela Mast sieht die Demonstranten in einer eigenen „Filterblase“. Sie recherchieren und informieren sich nicht mehr frei und quellübergreifend, sie schauen nur auf das, was sie auch lesen wollen. Die Angstmacherei, Zwietrachtsäerei und Hetze sehe Mast eher auf der Seite dieser Demonstranten. In ihrer Rede beleuchte Mast den Pandemieverlauf, die Gefahren für die Menschen und die Herausforderungen der Medizin. Die Einschränkungen seien zum Wohle der Bevölkerung, was die „Freidenker“ hingegen mit einem Einschnitt ihrer ganz persönlichen – und auch als egoistisch zu betrachtenden – Freiheiten bewerten, so Mast. „Es sind genau diese Egoisten, die sich Ausreden suchen, um ihr unsolidarisches Verhalten vor sich und der Welt zu rechtfertigen“. (…) „Uns haben schon öfter Pandemien besucht. Wir haben bisher jede bezwungen! Und uns wird es auch mit Zusammenhalt, mit Masketragen, mit Abstand halten und mit der Impfung auch wieder gelingen“ (…) Packen wir es an!“

Musikalisch wurde die Veranstaltung von dem Hannoveraner Tycho (alias Tycho Barth) begleitet. Mit stimmungsvoller, aber auch nachdenklicher Musik, gab der Musiker den Redebeiträgen einen passenden Rahmen.

Um die Positionen der Redner zu verdeutlichen und um die Abstände auch bei der Musik einzuhalten, war die erste Veranstaltung dieser Art auf nur 10 Personen begrenzt. Worte jedoch, die über die Personen vor Ort weit reichen und ein somit deutliches Zeichen setzen.

Redaktion
Celler Presse






Anzeige


Anzeige