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Ausnahmezustand für Hochwasseropfer hält an – Spenden können helfen

Die Szenerie ist gespenstisch – das Licht des Handys muss reichen, um den Weg zu Monika Lücke in der Westohe zu finden. Ein Besuch ist erst nach Einbruch der Dämmerung möglich, denn die Initiatorin und Spendensammlerin Sylvia Lucas kann erst nach Feierabend. Gewohnte Standards wie Straßenbeleuchtung, die Zufahrt zum Grundstück mit dem PKW – alles ist in dieser Siedlung an der Aller unweit von Winsen außer Kraft. Der Höhepunkt des Hochwassers zum Jahreswechsel liegt bereits einige Wochen zurück, aber die Westohe befindet sich immer noch im Ausnahmezustand.

Die Dämmerung ist bereits der Dunkelheit gewichen, ein kleines Licht erhellt die Szenerie: Monika Lücke steht vor dem Haus ihrer Mutter Erika Czalek mit einer Taschenlampe in der Hand. „Wo bleibt Ihr? Mir ist unheimlich“, sagt die gelernte Altenpflegerin, als die kleine Besuchergruppe nach Überquerung einer Brücke und anschließendem Fußweg in Gummistiefeln durchs Wasser ihr Ziel erreicht hat. Auch Frau Lücke ist eigens aus Winsen gekommen – ohne ihre Mutter, es wäre zu viel für die 84-Jährige, ihr Heim im derzeitigen Zustand zu sehen, das 35 Jahre lang ihr Zuhause war. „Meine Mutter ist total verzweifelt, manchmal sitzt sie nur da und weint“, berichtet die Tochter. Trost spendet Yorkshire Terrier „Fussel“. „Als wir evakuiert wurden, hab‘ ich den Hund schnell untern Arm geklemmt, Mutter hatte einen kleinen Koffer gepackt mit dem Nötigsten, und dann nur raus. Nur paar Stunden später hätt‘ ich Muttern nicht mehr rausbekommen.“ Die alte Dame ist zu 50 Prozent schwerbehindert, hat Pflegestufe drei. Von ihrem Mobiliar ist nur wenig geblieben, das Wasser hat die Böden, das Mauerwerk, das Inventar so durchnässt, dass Monika Lücke eine drastische Beschreibung wählt: „Ihr ganzes Leben ging in die Tonne“, sprich, in die für die Entsorgung bereitgestellten Container. Dennoch möchte Erika Czalek zurückkehren, sobald alles wieder hergerichtet ist. Handwerker sind bereits beauftragt und schon bei der Arbeit. Den Schaden beziffert Monika Lücke auf 22.000 Euro. Bisher hat sie 1.000 Euro Soforthilfe aus einem Notfallfonds des Landes Niedersachsen bekommen. „Das ging recht schnell und unbürokratisch.“ Eine Elementarversicherung hatte die alte Dame nicht. „Es gibt hier Leute mit Elementarversicherungen“, erzählt Frank Bourgonje aus der Südohe, „aber die Selbstbeteiligung ist sehr hoch, bei einem Nachbarn liegt sie z.B. bei 10.000 Euro.“

Für Schäden an Gebäuden gibt es zumindest im Moment noch keine Kompensation. Der Landkreis Celle teilt auf Anfrage mit: „Hochwasserhilfen über die Landesmittel hinaus sind nicht vorgesehen.“ „Die Rechnungen kommen aber schon“, sagt Monika Lücke, stets ein Moment, in dem es ihrer Mutter besonders schlecht gehe.

SPENDENAUFRUF INITIIERT

Sylvia Lucas hört den Erzählungen aufmerksam zu, Frau Lücke hat Fotos dabei, die das ganze Ausmaß der Zerstörung zeigen, doch ein Rundgang durchs Haus erweist sich als eindringlicher. Wirklich vorbereitet auf einen solchen Zustand war die Initiatorin der Hilfsaktion nicht, nie zuvor war sie in der Süd- und Westohe gewesen. Den Entschluss, Spenden zu sammeln, traf sie schon zu Beginn des Hochwassers „vom gemütlichen Sofa aus“. „Ich saß um Weihnachten rum da, mir ging es gut, aber meine Gedanken waren bei den vom Hochwasser heimgesuchten Menschen“, blickt sie zurück. „Oh Gott, wie müssen sich die Leute fühlen!?“, dachte sie und wollte helfen. Kurzentschlossen initiierte sie einen Spendenaufruf im Internet: „Spende für die Hochwasseropfer in Winsen/Aller“ organized by Sylvia Lucas: https://gofund.me/9538ce45

Es ist bereits Geld zusammenkommen, für dessen Verteilung sie langjährige Bewohner der Süd- und Westohe um Unterstützung bat. Sven Hansen ist alteingesessener Westoher, sein Haus befindet sich auf einem kleinen Hügel, er blieb abgesehen von Schäden an seinem Wagen verschont und steht nun seinen Nachbarn in der Siedlung wie beispielsweise Erika Czalek zur Seite. „Ich sah die alte Dame in ihrem völlig durchnässten Wohnzimmer, wir legten erstmal ein paar Bohlen.“ Besonders die älteren Leute wollten nicht weg. „Viele haben hier Hunde, um die sie sich sorgten. Insgesamt war hier in der Westohe alles sehr chaotisch. Das erlassene Betretungsverbot behinderte uns sehr. Wir waren auf uns selbst angewiesen.“ Bei einem Gespräch mit dem Winsener Bürgermeister lernte er die Südoher Silke Woltersmann sowie Ramona und Frank Bourgonje kennen, gemeinsam versuchen sie nun, unter die Arme zu greifen, wo die Situationen schwierig sind. „Wir haben festgestellt, die Leute schämen sich, Hilfe anzunehmen“. Besonders für Ältere sei alles noch schwerer als für jüngere Menschen. „Mit Geld allein ist es nicht getan, es geht ja auch darum, mit anzupacken.“ Und dieses geschieht sowohl in der Süd- als auch in der Westohe.

„Ich habe viel Unterstützung von der Gemeinschaft hier in der Westohe bekommen“, bestätigt Monika Lücke. Ihre Mutter Erika Czalek ist mit ihrem Schicksal nicht allein, weit mehr als 100 Anträge auf Soforthilfe sind beim Landkreis eingegangen. „Jeder Euro hilft“, appelliert Sylvia Lucas an die Spendenbereitschaft der Winser Bürger, indes Sven Hansen, Silke Woltersmann und Frank Bourgonje Betroffene in der Süd- und Westohe die Scheu nehmen möchten und auffordern, sich zu melden: „Du brauchst Hilfe, du bekommst Hilfe von uns!“

Anke Schlicht
Celler Presse
Fotos: Anke Schlicht

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