Vinzent Wiedemann berichtet über seine Schulzeit am Ernestinum und sein anschließendes Theologie-Studium

CELLE. Johannes Habekost, Schulleiter am Ernestinum, bedauert es sehr, dass der ehemalige Schüler seine Erfahrungen nicht selbst vortragen kann: „Etwas unverhofft bot unser ehemaliger Schüler Vinzent Wiedemann kürzlich an, zur Studien- und Berufsorientierung in unseren Oberstufen-Unterricht zu kommen und über seine Erfahrungen als Theologie-Student an der Universität Göttingen und vor allem als Stipiendiat der evangelischen Studienstiftung Villigst zu berichten und ausdrücklich für die Bewerbung um ein Stipendium Mut zu machen und dafür zu werben. Aus den bekannten Gründen ist das derzeit so nicht umsetzbar, so dass ich Vinzent um einen schriftlichen Bericht und Fotos gebeten habe.“

Hier ist der Bericht von Vinzent Wiedemann:

„Vor über zehn Jahren, im Sommer 2009, begann meine Zeit am Ernestinum. Heute, über zehn Jahre später, blicke ich bereits auf drei Semester Theologiestudium in Göttingen zurück, bin Stipendiat des Evangelischen Studienwerks Villigst und ab dem 01.04.2020 als Hilfskraft am Lehrstuhl für Kirchengeschichte bei Professor Gemeinhardt tätig. Ich möchte in diesem Bericht kurz darlegen, warum dies in meinen Augen kein bloßer Zufall ist, was ich dem „Ernes“ verdanke und warum ich gerne an meine Zeit an dieser Schule zurückdenke.

Von der fünften Klasse an hatte ich Latein, ab der achten Klasse kam Altgriechisch und ab der zehnten Hebräisch hinzu. So hatte ich am Ende meiner Schulzeit ein Großes Latinum, ein Graecum und ein Hebraicum vorzuweisen. Dies ermöglichte es mir „sprachfrei“ ins Theologiestudium zu starten, was außer mir in meinem Jahrgang in Göttingen sonst niemandem (!) vergönnt war. Auch wenn ich Latein automatisch und Griechisch zugegebenermaßen nur aus Interesse und nicht mit Blick auf ein späteres Studium belegte, war ich im Nachhinein doch sehr dankbar für diese Möglichkeit. Hebräisch hingegen konnte ich, nachdem das Theologiestudium für mich ein Thema geworden war, gezielt wählen.

Bisher habe ich in meinem Studium drei Proseminararbeiten geschrieben. In der ersten brauchte ich Latein, in der zweiten Griechisch und in der dritten Griechisch und Hebräisch. So viel zum Thema Tote Sprachen. Meine Analyse des lateinischen Textes in der ersten dieser Arbeiten war einer der Gründe, warum mir die Stelle als Hilfskraft angeboten wurde.

Bei der Beantwortung der Frage, ob das Studium etwas für mich sein könnte, wurde ich maßgeblich dadurch unterstützt, dass ich mein Betriebspraktikum in der zehnten Klasse in einer Kirchengemeinde absolvieren durfte. Diese Gelegenheit bedeutete viel mehr als nur zwei Wochen Praktikum. Im Anschluss daran war ich bis zu meinem Abitur als Teamer in der Kirchengemeinde Klein Hehlen tätig. Das wäre ohne das Praktikum wohl nicht zustande gekommen.

Meine endgültige Entscheidung für das Studium traf ich während meines Freiwilligen Sozialen Jahres in den beiden Celler Kirchengemeinden Kreuzkirche und Neuenhäusen. Unter Anleitung von Pastorin Carola Beuermann, die am Ernestinum schon einige Einschulungsgottesdienste gestaltet hat, erhielt ich einen einmaligen Einblick in die Gemeindearbeit. Diese Gelegenheit sich nach dem Abitur zu orientieren kann ich an dieser Stelle nur wärmstens empfehlen.

Neben den alten Sprachen und dem Praktikum war es vor allem der Religionsunterricht in der Oberstufe, der mich optimal auf das Studium vorbereitet hat und von dem ich noch immer profitiere. Ich merkte schnell, dass es nur wenige Studierende gibt, die mit einer ähnlich guten Vorausbildung ins Studium starten. Es ist ein gutes Gefühl in der ersten Sitzung des systematischen Proseminars beim Blick auf den Lektüreplan festzustellen, dass man von den meisten Theologinnen und Theologen schon in der Schule Texte behandelt hat.

Was mich als Person jedoch am meisten geprägt hat, ist (neben Chor und Rezitations-AG) die Theater-AG, in der ich auch im Anschluss an mein Abitur noch ein Jahr mitgewirkt habe. Durch sie habe ich Selbstvertrauen und Sicherheit in Situationen gewonnen, in denen man sich im weitesten Sinne einem Publikum stellen muss. Rückblickend kann ich sagen, dass mir das Darstellen unterschiedlicher Rollen auf der Bühne auch dabei geholfen hat, vor anderen ich selbst sein zu können.

Als ich in zwei Bewerbungsrunden verschiedenen Auswahlkommissionen des Evangelischen Studienwerks Villigst gegenübersaß, war diese Bühnenerfahrung für mich ein entscheidender Vorteil, da es nicht nur um Wissen ging, sondern auch um die Interaktion in Gruppendiskussionen, das Darstellen der eigenen Meinung sowie das Auftreten insgesamt.

Ich verdanke dem Ernestinum nicht nur meine herausragende philologische und theologische Ausbildung. Diese Schule hat auch erheblichen Anteil daran, dass ich heute der Mensch bin, der ich bin. Wenn ich diese Schule sage, meine ich damit kein Gebäude und auch keinen Lehrplan, sondern in erster Linie die Menschen, die sie zu dem machen, was ich erleben durfte. Auch wenn ich nicht alle einzeln aufzählen kann, möchte ich zumindest folgenden Personen im Besonderen danken: Frau Blank, die mich von Klasse 5-12 stets in mindestens einer alten Sprache unterrichtet hat, Frau Klinge und Herrn Habermann für den hervorragenden Religionsunterricht in der Oberstufe sowie letzterem für das fachliche Gutachten für die Bewerbung beim Studienwerk, Frau Reinicke und Frau Rethmann für die schauspielerische Ausbildung und allen hier Genannten vor allem für das, was sie mir über den Unterricht hinaus gegeben haben.

Vinzent Wiedemann, Abitur 2017“
Fotos: Vinzent Wiedemann

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