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Kopfkino, Kurioses und Kulinarisches im „Kochstudio“

Geplant war es wohl nicht, es ergab sich einfach im jüngsten „Kochstudio“ des Celler Schlosstheaters: Die unterschiedlichen Lesarten des Begriffes „Heimat“, dem Thema des Abends, wurden nahezu in Reinkultur durch die beiden Gäste verkörpert. Als da wären auf der einen Seite Landfrau Ilsedore Heidmann, die sich die eher gefühlsbetonte, heimelige, besonders im Rückgriff auf die Kindheit wahrgenommene Interpretation zu eigen macht, indes auf der anderen Seite Schriftsteller Oskar Ansull den häufigen Missbrauch des Begriffes mitsamt seiner Aufgeladenheit und Idealisierung hervorhebt. „Ich habe mich immer fremd gefühlt“, antwortet der in Westercelle aufgewachsene Literat auf die Frage der Moderatorin und Dramaturgin Barbara Brandhuber, was denn seine Heimat sei. Wenn Ilsedore Heidmann, die aus einer traditionellen Landwirtsfamilie stammt, sich jahrelang engagierte im Landfrauenverein und es im Celler Land durchaus zu Bekanntheit brachte, erzählt von ihrer behüteten Kindheit auf dem Dorf, ist herauszuhören, dass sie dieses Umfeld nie missen wollte. Sie blieb in ihrer Biographie ihren Wurzeln treu, lebt heute als Altenteilerin in Eicklingen. „Wenn man einen Bauernhof hat, ist es einem wichtig, dass es weitergeht, mein Enkel ist auch wieder Landwirt.“

Ansull verließ den Geburtsort früh, die 68er prägten ihn, näherte sich Celle erst wieder an über seine Literatur: „Mein Pathos in Richtung Heimat ist nicht so groß“, wirft er ein. Und nachdem die Moderatorin die Zuschauer in der voll besetzten Turmbühne zum Kopfkino aufgefordert hatte, also die Augen für zwei Minuten zu schließen und sich zurückbesinnen auf die Eindrücke, Gerüche, Geräusche und Gegebenheiten, die man in frühen Jahren wahrnahm und heute mit Heimat assoziiert, wirkt Oskar Ansulls in den Raum geworfene Definition, Heimat sei ursprünglich nichts weiter als ein Rechtsbegriff, sehr ernüchternd, aber gerechtfertigt. Denn Teil des Veranstaltungs-Konzeptes ist eine Diskussion unter Einbeziehung des Publikums. Und dieses macht gerne mit, das Thema treibt um, hat es den Anschein, will ernsthaft diskutiert sein, immerhin ist man im Theater, wenn auch nur im Kochstudio, das auch ein bisschen Kneipe ist. „Wer sein Getränk noch nicht bezahlt hat, der tue dies jetzt bitte“, heißt es mehr als einmal zwischendrin, wenn die Gespräche zum Erliegen kommen, weil erst einmal Bier und Wein serviert wird. „Wer hat denn nun keine Teller dabei?“, lautet eine weitere Frage, die die Reflektionen jäh unterbricht und überleitet zum Kulinarischen: Die Ensemble-Mitglieder Lars Fabian und Jamila Boukners haben Käse-Spätzle mit Salat zubereitet, derweil die Gäste über typische „Heimat-Gerichte“ wie Puffer mit Apfelmus, Milchreis oder Grünkohl fabulierten.

Schnittmengen tun sich auf, wenn es ums Essen geht, Ilsedore Heidmann und Oskar Ansull sind hier nah beieinander, und noch etwas verbindet die beiden Gäste, deren Wurzeln rein geographisch und zeitlich gesehen nicht allzu weit auseinanderliegen, indes ihre Lebenswege in sehr unterschiedliche Richtungen führten. Ansull ist unter anderem Autor des Buches „Heimat, schöne Fremde“, wahrscheinlich der Grund für seine Einladung. Das Werk ist umfangreich und komplex, brauchte fast ein Jahrzehnt für seine Entstehung. Er hat es dabei, aber als es um eine Leseprobe geht, wie es sich nun mal gehört, wenn ein Schriftsteller zu Gast ist, nimmt er ein kleines dünnes Heftchen zur Hand und liest – auf Plattdeutsch über Oma Möcker, damals in Westercelle, blaue Kittelschürze und das Herz am rechten Fleck.

Ilsedore Heidmann strahlt, ist sie doch selbst mit dem Plattdeutschen aufgewachsen, jegliche Skepsis diesem Mann, der hier die Veranstaltung über an ihrer Seite saß, scheint zu schwinden. Gelungener Abschluss eines besonderen „Heimat-Abends“.

Anke Schlicht
Celler Presse
Fotos: Anke Schlicht

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