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ESCHEDE. Es sollte ein heißes und buntes Wochenende in Eschede werden, doch wie es immer so ist, es kommt immer anderes, als man denkt. Die angekündigte NPD-Kundgebung mit Marsch durch den Ort wurde kurzerhand vom Landesverband abgesagt. Die fleißigen Bürgerinnen und Bürger in Eschede hatten zu dem Zeitpunkt jedoch schon die Bahnhofstraße bunt geschmückt und ihren Widerstand organisiert.  Kurzerhand machten sich die Anwohner und Gäste aus der NPD-Absage ein großes buntes Straßenfest.

Die rot-weißen Kreuze zeigten schon in den vergangenen Tagen, dass viele im Ort sich offen gegen die „Machenschaften“ der NPD auf dem am Ortsrand liegenden Hof stellen. Neben vielen dieser Protestkreuze wurde am Samstag von vielen fleißigen Helfern die Bahnhofstraße bunt geschmückt. Hier sollte die NPD eigentlich zuerst in den Ort kommen, um Kundgebungen abzuhalten. Die Idee, die Straße bunt zu schmücken stand unter dem Motto „Bunt statt braun“. Plakate, Luftballons und bunte Bänder zierten die Allee, als schließlich die NPD ankündigte, dass sie ihren Aufzug nicht stattfinden lassen wollten.

Mittlerweile kommt jedoch der Verdacht auf, dass die Absage langfristig geplant war und so stellt sich die Frage, ob das massive Polizeiaufgebot vom Steuerzahler oder nicht doch von der NPD zu bezahlen sei?

Gegen 11:30 Uhr teilte die Polizei mit, dass die NPD den Aufzug abgesagt hat. Offizielle Begründung: Man bekäme bei der NPD nicht genug Umzugsteilnehmer zusammen! Fotos von Recherche-Nord zeigen jedoch ein aktives Baugeschehen auf dem Gelände des NPD-Schulungszentrums zu diesem Zeitpunkt – mit nicht wenigen Teilnehmern (10 bis 12). Daher stellt sich nun die Frage, ob das Ganze nicht durch die NPD inszeniert wurde, damit sie gut beschützt durch die Staatsmacht ihre Bauaktivitäten durchführen konnte? Wenn dem so ist, warum soll dann der Steuerzahler für den Einsatz aufkommen und nicht eben die NPD?“ fragt sich das Bündnis gegen Rechtsextremismus.

Zu diesem Zeitpunkt waren aber auch aus dem Landkreis Celle und auch aus Hannover, Lüneburg und Hamburg Gäste in Eschede angekommen. Die Freude war groß, denn die NPD ist kam nicht in den Ort. Der Bahnhofsvorplatz wurde kurzerhand zu einem Picknick-Sommerlager. „Bürger und angereiste Antifa kamen sich näher, tauschten sich aus und viele Vorurteile und Vorbehalte konnten gegenüber den dunkel gekleideten jungen Menschen abgebaut werden. Nicht zuletzt dem Landfriedensbruch Eschede ist es zu verdanken, dass viele dieser Teilnehmer vom parolenschwangeren Großstadtmodus in den für ein Dorf verträglichen ruhigen Protest umgeschwenkt sind. So war die Solidarität dann auch groß. Man versorgte sich in der schwülen Hitze gegenseitig mit Getränken und viele Einwohner ließen den einen oder anderen angereisten Gast seine Sanitäranlagen benutzen, was gerade in Coronazeiten mit geschlossenen öffentlichen Toiletten dankbar angenommen wurde“, so das Bündnis.

An der Mahnwache an der Zufahrtskreuzung zum Hof Nahtz (Zum Dornbusch / Hermannsburger Straße) versammelten sich ab 11.00 Uhr in der Spitze ca. 50 Teilnehmer, um ihren Protest gegen Rechts friedlich Ausdruck zu verleihen und um nach den „Rechten“ zu schauen. „Die Partei“ hatte dort zusammen mit dem Bündnis gegen Rechtsextremismus diese dort angemeldet. Mit kleinen Reden und netten Gesprächen, war die Aktion ebenso euphorisch, wie die Teilnehmer im Ort es bei dem schönen Wetter empfanden.

Während die angereisten Gäste die bunte Arbeit im Ort bewunderten, wurde auch von ihnen zugleich Kreide aus der Tasche geholt und die Kunstwerke mit vielen Herzen und weiteren Sprüchen verziert. Damit auch alle die schöne bunte Bahnhofstraße bewundern konnten, lud man zu einem gemeinsamen „Spaziergang“ ein. Die Polizei begleitete die vielen Teilnehmer, damit auch nichts passiert.

Einige Demonstranten hatten das Kinderlied „Hejo, spann den Wagen an“ umgedichtet.
Neuer Text dazu:
„Wehrt Euch, leistet Widerstand / gegen diese Nazis hier im Land / auf die Barrikaden, auf die Barrikaden // Wehrt Euch, bleibt in dieser Stadt / gegenüber Nazis hier im Land / auf die Barrikaden, auf die Barrikaden“

Nachdem der Zug nun am Ende angekommen war und kehrtmachte, sorgten einige Teilnehmer der angereisten Antifa für Verwirrung bei der Polizei. Bei dem schönen Wetter und der ausgelassenen Stimmung wollten diese angereisten Gäste nun auch die Gunst der Stunde nutzen, um an der örtlichen Eisdiele sich zu erfrischen, was die Polizeikette zuerst jedoch verhinderte. Die Situation konnte jedoch schnell geklärt werden.

Das Bündnis gegen Rechtsextremismus in Eschede freute sich über die rege Teilnahme und die vielen freiwilligen Helfer. Der Ort habe Erstaunliches geleistet und zeige den gelebten Zusammenhalt der Bürgerinnen und Bürger, so das Bündnis.

„Ich freue mich über die vielen teilnehmenden Bürgerinnen und Bürger an dieser wirklich bunten Protestbewegung. Eschede ist ein toleranter und liebenswerter Ort, da haben Provokateure keinen Platz, das haben die Menschen deutlich gezeigt. Die gemeinsamen Aktionen an diesem Tage haben die Menschen im Ort weiter zusammengeschweißt, dies freut mich sehr“, freute sich Bürgermeister Günter Berg.

Das bürgerliche Engagement gegen Rechts beobachtet Thomas Adasch (CDU) intensiv, denn rechtes Gedankengut sei inakzeptabel. Der Rechtsextremismus zeige nun eine andere Qualität. So würde im Innenausschuss der Umgang mit Bombenanschlägen von Rechten auf Bürger, Abgeordnete und Parteibüros gerade diskutiert werden. Die Auslöser waren abermals erhaltene Briefe mit einem verdächtigen Pulver gewesen. „Derzeit werde alles unternommen, um dagegen vorzugehen. Verschiedene Menschen hatten Drohmails erhalten, die sich friedlich gegen Rechtsextremismus engagieren“, so Adasch.

Die Angelegenheit des NPD-Hofes sei auf der politischen Ebene in Gesprächen zu klären. Derzeit werde geschaut, ob nicht das Baurecht zur Verhinderung des Ausbaus zum Bildungszentrum der NPD genutzt werden kann. So versuche die CDU gemeinsam mit dem Landkreis Celle sich abzustimmen, so der CDU Landtagsabgeordnete. Adasch nutzte seinen Besuch in erster Liniedazu, sich bei der Demonstration einen Einblick in das Geschehen zu verschaffen, um diese Erkenntnisse in seine politische Arbeit zu vewenden.

Eine Frau berichtete am Rande der Demonstration, wie sie gemeinsam mit einer Freundin bereits vor 3 Jahren bei einem Spaziergang am Hof beobachten konnte, dass Kinder auf den Sonnenwendfeiern instrumentalisiert worden seien. So wären diese Kinder gekleidet gewesen wie 1945. Sie hätten in allen 4 Himmelsrichtungen um ein Feuer gestanden und hätten bestimmte Texte oder Gedichte vortragen müssen. Danach hätten sie Fackeln in das Feuer geworfen. Unter anderem wäre auch Ursula Haverbeck, die Holocausleugnerin, dort schon mehrfach gesichtet worden.

Am Bahnhof versammelten sich nach und nach ca. 400 Teilnehmer und setzten sich nach einer Auftaktkundgebung um 14.00 Uhr über die Bahnhofstraße als bunter Aufzug mit Fahnen, Plakaten und Transparenten in Bewegung, um anschließend zu einer großen Abschlusskundgebung am Rathaus zusammenzukommen.

Bürgermeister Günter Berg sieht den Wendepunkt im Hofkauf durch die NPD und die Genehmigung für eine Demonstration bis zum Hof des Verwaltungsgerichtes. Diesen hätten die Bewohner genutzt, um sich zu positionieren. Eschede sei bunt und vielfältig und lasse sich nicht unterkriegen. Dies solle verfestigt werden und nachhaltig vorangetrieben werden. Bei weiteren Veranstaltungen der NPD solle dementsprechend bunt und vielfältig geantwortet werden. Wichtig sei hierbei, sich von den Werten der NPD abzugrenzen und eigene Werte zu positionieren.

Nach der Veranstaltung gingen einige Teilnehmer des Bündnisses gegen Rechtsextremismus mit freiwilligen Helfern in die Bahnhofstraße und zur Hauptstraße zurück. Kreuze, bunte Bänder und Luftballons wurden abgenommen und es wurde aufgeräumt. Passend zum Heimkommen und dem Abschluss der Aufräumarbeiten begann es zu regnen und gewittern.

Doch mahnen auch viele Stimmen, dass die NPD so leicht nicht aufgeben wird: „Das war heute nur ein Punktsieg“, so der Sprecher des Bündnisses gegen Rechtsextremismus in Eschede, Marlon Gollnisch. Der Druck muss auch zukünftig aufrechterhalten werden: „damit die NPD keinen Fuß bei uns in die Tür bekommt“.

Am kommenden Samstag, den 20.06.2020 will die NPD den nächsten Versuch unternehmen, „doch Eschede wird wieder bereit und bunt sein!“, so Gollnisch.

Kirsten Dieckmann, Sprecherin vom Celler Forum gegen Gewalt und Rechtsextremismus, verwies ebenfalls auf den kommenden Samstag: „Am nächsten Samstag wird es wieder eine Demonstration bis zu Hof Nahtz geben. Der Treffpunkt ist um 13 Uhr nördlich des Bahnhofs. Die 1. Kundgebung findet an der Kreuzung Finkenberg/Dornenbusch statt. danach geht es bis zu fünfzig Metet hinter den Hof Nahtz. Gestern wurde bekannt, dass schon Leute auf dem Hof Nahtz sind und dort schon ein Zelt aufbauen. Nächsten Sonntag findet dort wieder die Sonnenwendfeier statt.“ Gegen dieses Nazi-Treffen werde sie am kommenden Samstag demonstrieren: Vom nördlichen Bahnhof über den Finkenberg zum Hof Nahtz.

Redaktion
Celler Presse






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