Jahresempfang Projekt Brückenbau: „Klopf doch mal an!“

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CELLE. Auf Menschen zugehen – gut und schön, aber doch wohl nicht auf alle?! Um offene und verschlossene Türen ging es beim diesjährigen Jahresempfang vom Projekt Brückenbau, Anlaufstelle für Inhaftierte, Haftentlassene und deren Angehörige. „Klopf doch mal an!“ lautete das Motto am Dienstag, den 07. Februar, in der Jägerstraße 25a in Celle. Über 70 gemeldete Gäste waren gekommen, um darüber angeregt zu diskutieren.

Zunächst begrüßte der 1. Vorsitzende Henning Buchhagen die Anwesenden und Unterstützer des Projektes Brückenbau herzlich und wünschte allen gemeinsam eine gute Zeit. Anschließend sprach Ottfried Junk, Geschäftsführer des Schwarzen Kreuzes, und erklärte den Hintergrund der bemalten Tür, die neben ihm stand. Im „Lutherjahr“ sei man auf die Diakonien mit der Bitte zugekommen, individuelle Türen zu gestalten, um das Motto: „Klopf doch mal an!“ umzusetzen. Mona Gremmel, Diakonin des Kreativcafés ergänzte, dass man sich mit vier Inhaftierten zusammengesetzt habe, um die zwei Perspektiven „In der Haft“ und „Nach der Haft“ zu visualisieren. Ute Passarge, Sprecherin der Hilfsorganisation, ermunterte die Gäste, einmal an die Tür zu klopfen, um zu schauen was dann passiert. Man könne erfreut und überrascht sein, aber evtl. auch enttäuscht, wie im wirklichen Leben. So gab es für den einen Schokolade und Tee, für den anderen ein Licht und warme Strümpfe; aber man konnte auch einen blöden Blick oder eine schnöde Fusselrolle riskieren. Anschließend las Mona Gremmel den bewegenden Text: „Zweite Chance“ eines Haftentlassenen vor.

Einen Impulsvortrag zum Thema hielt Pastor Jan Postel, evangelischer Gefängnisseelsorger der JVA Celle. „Geschlossene Türen trifft man nicht nur im Gefängnis an, sondern genauso in der Gesellschaft“, so Jan Postel. „Türen zu öffnen bedeutet, eigene Haltungen, Menschenbilder und auch die Sicht auf Strafe zu hinterfragen.“ Er schilderte seine Erfahrungen mit offenen und geschlossenen Türen im Strafvollzug und setzte sich mit dem Sinn von Haftstrafen kritisch auseinander. „Gesellschaftlich anerkannte“ Strafe sei:

•       Sinnvoll für Sühne; Strafe solle wehtun

•       Wichtig für das Sicherheitsempfinden der Gesellschaft

•       Ein wichtiger Aspekt für die Resozialisierung der Straftäter

Nach der rhetorischen Frage, ob das alles wirklich sinnvoll sei, sagte Jan Postel, dass Ausgrenzung allein keine Sühne sondern Rache darstelle, wenn ein Ex-Knacki überhaupt keine Chance habe, nach seiner Sühne in die Gesellschaft zurück zu kehren; dass die Frage nach der Sicherheit ebenso zweifelhaft sei, da die Haftbedingungen mit Schuldenoptionen und Hoffnungslosigkeit zu weiteren Gefahren führten und dass das Thema „Resozialisierung“ ebenso bedenklich sei, wenn jemand früh desozialisiert wurde. Was für einen Sinn mache es, wenn er nach der so genannten Resozialisierung wieder in dem alten Kreislauf lande, weil ihm niemand eine Wohnung oder einen Job geben mag? Und seine Familie gleich mitstigmatisiert würde?

Pastor Jan Postel sprach ebenso über die mediale und gesellschaftliche Verantwortung, über Fernsehsender, die negative Einzelbeispiele dazu nützten Ängste zu schüren und über unsere Gesellschaft, die die Verantwortung an Spezialisten abgeben möchte, um sich nicht selbst kümmern zu müssen. „Nicht nur die Gefangenen müssen resozialisiert werden, auch die Gesellschaft muss sich resozialisieren, und alle müssen sich kümmern.“

Anschließend präsentierte das Projekt Brückenbau die Sternstunden der vergangenen Jahre, stellte die vielen ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiter persönlich vor, und bei einem leckeren Buffet und kreativen alkoholfreien Cocktails gab es Raum für Begegnungen, Gespräche und Kontakte.

Projekt Brückenbau, Jägerstraße 25a, 29221 Celle, Tel. 05141 94616-20, info@projekt-brueckenbau.de, www.naechstenliebe-befreit.de.

PR/Redaktion
Celler Presse





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