„Das Richtige zu tun muss sich besser anfühlen, dann machen wir es auch!“ Umweltwissenschaftlicher Michael Kopatz macht Vorschläge zur Annäherung an ein ökoperfektes Leben

CELLE. Die Präsidentin des Oberlandesgerichts Stefanie Otte begrüßte die Besucherinnen und Besucher der Vortragsreihe am 17. Februar 2020 im erneut bis auf den letzten Platz ausverkauften Vortragssaal zu einer Veranstaltung mit dem ebenso provokant wie innovativ klingenden Thema „Schluss mit der Öko-Moral, wie wir die Welt retten, ohne ständig daran zu denken“. „Klimathemen beschäftigen uns alle“, erklärte Otte, „und dabei stellt sich zwangsläufig die Frage nach Orientierung. Dr. Michael Kopatz ist Umweltwissenschaftler beim Wuppertal Institut, Dozent und Autor mehrerer Sachbücher zu Fragen der Nachhaltigkeit in der Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik. Ich freue mich auf seinen Vortrag, in dem er versuchen wird, uns etwas Orientierung zu geben.“

Zu Beginn seines Vortrags prüfte Kopatz das Öko-Gewissen seines Publikums indem er fragte, ob man noch auf einem Kreuzfahrtschiff Urlaub machen oder zum Billigtarif für das Wochenende nach Mallorca fliegen, bei Discountern einkaufen oder im Fastfood-Restaurant essen dürfe. Ob man wirklich immer mehr und neue Dinge brauche, fragte Kopatz weiter, obwohl die Statistik zeige, dass die Deutschen trotz anhaltenden Wachstums heute nicht glücklicher sind als vor vierzig Jahren.

Einfache Antworten auf diese und ähnliche Fragen gebe es nicht, erklärte Kopatz und veranschaulichte das ökologische Dilemma mit dem Hinweis darauf, dass der Verzicht auf einen Pkw aus ökologischer Sicht den beabsichtigten Zweck möglicherweise verfehlt, wenn das als Fahrzeugersatz angeschaffte Fahrrad einen Rahmen aus Carbon hat, dessen Herstellung einen um das Vierfache höheren Energieaufwand verursache als ein Rahmen aus Stahl.

Auch wenn sich mehr als 90 Prozent der Bundesbürger für den Klimaschutz aussprächen, werde heute mehr als je zuvor geflogen, Jahr für Jahr würden immer mehr und immer größere Fahrzeuge zugelassen und auf dem teuren Grill für € 800 würden Würstchen aus Billigfleisch zubereitet. Deshalb diagnostiziert der Referent einem Großteil der deutschen Bevölkerung in ökologischer Hinsicht eine „gelebte Schizophrenie“. Die Lösung dieses Dilemma liege aber nicht allein darin, dass sich die Menschen verändern. Es sei selbstverständlich gut, wenn man umweltbewusst lebe. Echte Veränderungen ließen sich aber auf andere Weise schaffen. Statt zu moralisieren und ständig an das Öko-Gewissen zu appellieren, gelte es eine Ökoroutine zu schaffen, in der man das Richtige quasi wie von selbst mache. Wie eine solche Ökoroutine entstehen könne, erklärte Kopatz anhand zahlreicher Beispiele aus den Bereichen Energie, Ernährung und Verkehr. Von der Politik geschaffene Standards hätten bereits – von den Verbrauchern teilweise unbemerkt – zu Veränderungen geführt. So hätten Legehennen heute doppelt so viel Platz wie noch vor einigen Jahren. Null-Energie-Häuser seien keine Wohnidee lebensfremder Idealisten, sondern eine auf dem Markt häufig nachgefragte Bauweise. Die Veränderung zu einer Ökoroutine, könne durch weitere Aufklärung und Kampagnen beschleunigt werden. Dazu bedürfe es keines „Guerilla-Marketings“, indem man etwa provokante Aufkleber mit Botschaften zum offenbar fehlenden Selbstbewusstsein eines Fahrzeugbesitzers auf dessen SUV der Luxusklasse hinterlässt.

Wie Aufklärung und entsprechende Kampagnen wirken, könne man beispielsweise daran erkennen, dass es in den Siebzigerjahren vollkommen selbstverständlich gewesen sei, wenn Eltern auf einem Familienausflug mit den Kindern im Fahrzeug rauchten, während dies nach heutigem Verständnis fast als Körperverletzung gewertet werde. Vergleichbar habe sich das Verhältnis der Deutschen zu der Mitte der Siebzigerjahre eingeführten Anschnallpflicht im Auto gewandelt. Während diese anfangs als alberne – sogar kontraproduktive – Maßnahme kritisiert worden sei, würden wir uns heute ohne Nachzudenken ganz selbstverständlich im Fahrzeug anschnallen und dies für richtig halten.

Ohne Druck vom Gesetzgeber und der Konsumenten könne sich eine Ökoroutine kaum entwickeln. Kopatz meinte, für eine Veränderung sei es nicht notwendig, den Menschen etwas wegzunehmen; die Politik müsse darauf gerichtet sein, dem Vorhandenen nichts Neues hinzuzufügen. Es sollten keine neuen Straßen gebaut, sondern lediglich das bestehende Straßennetz instand gehalten werden, in den Innenstädten sollten keine neuen Parkplätze eingerichtet und die vorhandenen verteuert werden, die Flugsicherung solle keine weiteren Slots für Flugzeugstarts vergeben und Flughäfen nicht weiter ausgebaut werden. Strengere Gesetze und Standards würden von Wirtschaftsvertretern mitunter selbst eingefordert. Aber wie in der Bevölkerung gelte auch bei den Herstellern das Motto, „Ich mach mit, wenn Du mitmachst!“. Der Einwand angeblich fehlender Wettbewerbsfähigkeit greife dann nicht, wenn höhere ökologische Standards europaweit vorgeschrieben würden.
Aber auch die Konsumenten seien gefordert, denn hergestellt werde das, was auf dem Markt nachgefragt sei. Wer nur darüber nachdenke, wie man das zur Verfügung stehende Einkommen ökoperfekt einsetzen könne, werde die Welt nicht verändern. Neben umweltbewusstem Verhalten sei es deshalb wichtig, sich politisch zu betätigen. Die durch den anschaulich und pointiert gehaltenen Vortrag von Michael Kopatz angestoßenen Diskussionen setzten die Besucherinnen und Besucher anschließend im Plenarsaal des Oberlandesgerichts angeregt fort.

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